Warum KI uns zur Relevanz zwingt
- Denise Schönenberger

- 28. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Warum KI uns zur Relevanz zwingt
Der digitale Raum hat sich seit KI verändert. Das ist keine Überraschung mehr. Wir zeigen uns nach wie vor selbst mit unserem digitalen Ich. Man kann schon sehr viel über eine Person aussagen anhand ihres digitalen Fussabdrucks. Aber seit KI für jeden zugänglich geworden ist, sagen Posts und Kommentare noch mehr über uns aus. Dabei sind wir nicht plötzlich ehrlicher geworden. Die Möglichkeiten, sich zu verstecken, sind jetzt kleiner.

In jeder Kommentarspalte findet man sie: die lustigen Antworten, die bestätigenden Sätze, die kurzen Sichtbarkeitswortfetzen, die ergänzenden Infos. So weit so gut. Wie sich jemand online verhält, lässt weitgehend auf die reale Persona schliessen. Das ist nicht neu. Aber es ist präziser geworden.
Sofortiges Blockieren bei Uneinigkeit zeugt beispielsweise von geringer Resilienz und von wenig Bereitschaft für sachliche Debatten. Das war schon immer so. Blockieren ist ein Werkzeug der Flucht. Man muss die unbequeme Stimme nicht hören, wenn man sie wegklickt. Aber seit KI gibt es noch etwas anderes. Neu hinzugekommen ist der vermeintliche Vorwurf: «Das hast du mit KI gemacht.» Er impliziert wenig Eigenleistung oder Bequemlichkeit, vielleicht sogar Unwissenheit, die sich mit KI-Glanz besprüht. Doch genau das Gegenteil ist der Fall.

Die Enthüllung durch KI
Nehmen wir ein konkretes Szenario: Jemand postet eine Behauptung. Sie klingt plausibel. Sie wirkt recherchiert. Vielleicht sogar wichtig. Aber sie ist falsch. Oder zumindest unvollständig, clickbait-artig aufgeblasen, um Aufmerksamkeit zu greifen. Dann kommt jemand und antwortet mit Fakten. Echten Fakten. Vielleicht hat diese Person ChatGPT, Perplexity oder ein anderes KI-Tool genutzt, um in fünf Minuten zu recherchieren, was der ursprüngliche Poster in zehn Sekunden behauptet hat. Und jetzt passiert etwas Interessantes: Der ursprüngliche Poster antwortet nicht mit besseren Fakten. Er antwortet mit «Das hast du mit KI gemacht.» Es ist ein Ablenkungsmanöver. Kein Gegenargument. Keine bessere Recherche. Nur der Versuch, die Glaubwürdigkeit der Antwort zu untergraben, indem man die Quelle angreift statt den Inhalt. Shoot the messenger. Manchmal folgt dann das Blockieren. Zack, nimmt man die Möglichkeit einer Antwort weg, weil die unbequeme Wahrheit nicht sichtbar sein soll.
KI zwingt uns zur Relevanz
Hier ist das Kernproblem und zugleich die Chance: KI zwingt uns zur Relevanz. Wer nicht nur AI Slop produzieren will (diese generischen, austauschbaren KI-Inhalte, die überall im Netz herumfliegen), hat jetzt die Möglichkeit, seinen Post in Sekunden überprüfen zu lassen. Die KI-Tools sind kostenlos oder günstig. Sie sind überall zugänglich. Die Hürde, gute Arbeit zu leisten, ist gesunken, nicht gestiegen.
Wer es nicht aushält, dass schlecht recherchierte «Fakten» in Sekunden von einem KI-Nutzer enthüllt werden, enthüllt sich auch gleich selbst. Das ist die Wahrheit hinter dem Vorwurf «Das hast du mit KI gemacht.» Es geht nicht um das Tool. Es geht darum, dass jemand anderes die Arbeit gemacht hat, die man selbst nicht machen wollte oder nicht machen konnte.
Die Ironie des Systems
Die Ironie liegt darin, dass wir AI Slop mit AI bekämpfen können. Und genau das sollten wir tun. Nicht aus Hochmut. Aber aus einer einfachen Erkenntnis: Wenn KI zugänglich für jeden ist, ist mangelnde Sorgfalt nicht mehr eine Frage von Ressourcen oder Bildung. Sie ist eine Frage des eigenen Qualitätsanspruchs.
Blockieren wir jemanden, der uns widerspricht, sagen wir etwas über unsere Resilienz. Greifen wir jemanden an, der mit KI recherchiert hat, sagen wir etwas über unsere Bereitschaft, uns selbst zu verbessern. Und wenn wir nicht bereit sind, unsere Posts zu überprüfen, obwohl es in Sekunden möglich ist, sagen wir etwas über unsere Standards.
KI ist nicht das Problem. Relevanz ist die Anforderung, die KI sichtbar macht. Wer sich ihr stellt, wird besser. Wer ihr ausweicht, wird nur durchschaubarer.



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