Warum heute jeder Marketing macht – und kaum jemand es versteht
- Denise Schönenberger

- 28. Apr.
- 2 Min. Lesezeit
An Anbietern von Marketing-Dienstleistungen mangelt es nicht. Agenturen, Spezialisten, Freelancer, Influencer – sie alle bearbeiten einzelne Disziplinen mit hoher Spezialisierung. Social Media, SEO, Kampagnen, Design. Jede Leistung für sich genommen schlüssig. In der Summe oft ohne tragfähige Wirkung.
Der Grund liegt nicht in der Qualität der Ausführung, sondern in der Struktur dahinter. Marketing wird vielerorts als Sammlung von Massnahmen verstanden. Tatsächlich handelt es sich um ein System von Entscheidungen.

Was heute unter Marketing läuft, ist häufig operative Aktivität. Sichtbarkeit wird mit Relevanz gleichgesetzt, Frequenz mit Wirkung. Inhalte entstehen, Kanäle werden bespielt, Budgets eingesetzt. Die zugrunde liegende Logik bleibt diffus. Dabei ist die Ausgangslage klar definiert. Die klassische Marketinglehre beschreibt ein präzises Koordinatensystem: Leistung, Markt, Preis, Vertrieb. Diese Parameter bestimmen, ob Kommunikation überhaupt anschlussfähig ist. Ohne diese Klärung bleibt sie isoliert.
In der Praxis arbeiten Anbieter entlang ihrer jeweiligen Disziplinen. Texter strukturieren Botschaften. Designer entwickeln visuelle Systeme. Performance-Marketer optimieren auf Kennzahlen. Jede Perspektive ist legitim – und gleichzeitig begrenzt. Die Verbindung der Teile entsteht nicht automatisch.
So bildet sich Marketing als Fragment. Einzelne Elemente funktionieren, gelegentlich auch sehr gut. Ihre Wirkung bleibt jedoch situativ. Es fehlt die übergeordnete Logik, die Zusammenhänge definiert und Entscheidungen priorisiert. Hinzu kommt die Dynamik der Märkte. Zielgruppen verändern sich, Wettbewerber treten auf, Geschäftsmodelle verschieben sich. Massnahmen, die unter bestimmten Voraussetzungen funktioniert haben, werden fortgeführt, obwohl sich die Ausgangslage längst verändert hat. Das Resultat ist Kontinuität ohne Begründung.
Unternehmen stehen damit weniger vor einem Umsetzungsproblem als vor einem Orientierungsproblem. Die entscheidende Frage ist nicht, welche Massnahme verfügbar ist, sondern welche unter den gegebenen Bedingungen sinnvoll ist.
Um diese Einordnung systematisch vorzunehmen, habe ich das JADE Ökosystem entwickelt. Es beschreibt Marketing und Kommunikation als zusammenhängende Struktur mit drei Ebenen:
den Marketing-Mix als operative Marktbearbeitung
die Unternehmenskommunikation als Steuerung von Beziehungen und Reputation
die Markenkommunikation als Prägung von Wahrnehmung und Identität
Diese Ebenen wirken gleichzeitig und beeinflussen sich gegenseitig. Eine isolierte Optimierung verschiebt die Wirkung, löst aber selten die Ursache.

Ein typisches Muster: Die Kommunikationsleistung wird erhöht, Reichweiten steigen, Interaktionen nehmen zu – die Nachfrage bleibt aus. In solchen Fällen liegt die Ursache regelmässig ausserhalb der Kommunikation: in der Leistungsdefinition, in der Preisstruktur oder in der Vertriebssystematik.
Kommunikation verstärkt vorhandene Strukturen. Sie ersetzt sie nicht. Die Arbeit beginnt daher mit der Analyse des Systems. Welche Elemente sind tragfähig, welche nicht? Wo bestehen Abhängigkeiten, die bislang unberücksichtigt bleiben?
Erst auf dieser Grundlage lassen sich Massnahmen bestimmen, die mehr sind als isolierte Aktivitäten. Das Ergebnis ist kein Massnahmenkatalog, sondern ein konsistentes Gefüge von Entscheidungen. Ein System, das Wirkung erzeugt, weil seine Teile aufeinander abgestimmt sind.



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